Das grüne Wunder – unser Wald

Im Gucklochkino Villingen
Villingen

Sonntag, 19. Okt. 2014 | 16:00 Uhr


 

Das grüne Wunder – unser Wald

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts und bis heute spielt der Wald im Bewußtsein der Deutschen eine besondere Rolle. In Gedichten, Märchen und Sagen der Romantik wurde er beschrieben und idealistisch verklärt, später intensiv von Naturfreunden und Wandervereinen erschlossen und erlebt, und heute ist er im Umweltschutz ein zentrales Thema. Da wundert man sich dann manchmal, wie Jogger durch den Wald rennen, Stöpsel in den Ohren. Sie lauschen Hörbüchern, Klassik, harten Beats oder Entspannungsmusik. Aber entgehen ihnen dabei nicht die Geräusche des Waldes, die Stimmungen, die Atmosphären? „Das grüne Wunder – Unser Wald“ ist übervoll davon. Und der Film ist der Beweis, daß es nicht ferner Orte und exotischer Tier- und Pflanzenarten bedarf, um ein Publikum zu fesseln.

600 Drehtage innerhalb von sechs Jahren haben Regisseur Jan Haft und seine drei Kamerateams in den Wäldern in Deutschland, Österreich und Dänemark verbracht, davon viele Nächte in Tarnzelten. Im Gepäck hochauflösende HD-Kameras, Endoskopoptiken für Nahaufnahmen im schwer zugänglichen Makrobereich und die „Weisscam“, eine Spezialkamera für extreme Zeitlupen mit bis zu 4000 Bildern pro Sekunde. Herausgekommen sind – wie immer wenn sich jemand Zeit nimmt und wirklich auf sein Thema einläßt – sensationelle Bilder wie das einer Säure spritzenden Waldameise, die man so noch nie gesehen hat und mit bloßem Auge auch nicht sehen kann.

Auch wenn in den Verleihangaben nur Jan Haft als Regisseur genannt ist: Der Film ist kein Alleingang. Ohne die Mitarbeit zahlreicher Biologen und Wald-Experten wie etwa jenes Ornithologen, der in Ostdeutschland die Sperbervorkommen kartiert, wäre er nicht möglich gewesen. Als größte Herausforderungen beschreibt Haft, die Tiere und Pflanzen aufzuspüren, und dann Wetterverhältnisse abzuwarten, daß man sie bei schönem Licht filmen kann.

„Das grüne Wunder“ zeigt den Wald im Jahreslauf. Wie alles in diesem Lebensraum miteinander in Verbindung steht, und jedes Tier und jede Pflanze seinen Beitrag zum Erhalt des Ökosystems leistet. Er wolle den Zuschauern ermöglichen, sagt Haft, den Wald mal aus einer ganz besonderen Perspektive zu sehen und damit auch Begeisterung auslösen. So zeigt der Film auf eindrucksvolle Weise das Zusammenleben von Pflanzen und Tieren. Pilze und Erdbeeren wachsen im Zeitraffer, eine Hummel vertreibt eine Maus aus ihrer Höhle, und ein Eichelhäher läßt sich mit Ameisensäure bespritzen, um die Parasiten aus seinem Gefieder zu vertreiben. Es ist eine geheimnisvolle Welt, die da direkt vor unserer Haustür existiert, und die die meisten gar nicht so wahrnehmen.

Der Film ist auf eine starke emotionale Wirkung hin angelegt. Dazu trägt auch das Sounddesign bei, mit verstärkten Naturgeräuschen und der manchmal etwas aufdringlichen Filmmusik. „Das grüne Wunder“ konstruiert jedoch keine heile Welt, und unterscheidet sich insofern von manchen Kino-Naturfilmen der vergangenen Jahre, in denen sich wenig Information mit niedlichen Tieren und vermenschlichter Natur paarte. Jan Haft macht schon deutlich, daß der Wald, so wie er heute in Mitteleuropa existiert, ein vom Menschen verändertes und reglementiertes Biotop ist, in dem Tiere und Pflanzen sich in einem ständigen Anpassungsdruck befinden.

„Man darf sich von der Wirkung eines solchen Films nicht zu viel erhoffen“, hat Jan Haft in einem Interview gesagt. „Aber ich stelle mir schon vor, daß der Zuschauer die Erkenntnis mitnimmt, daß der Wald unglaublich vielfältig ist und daß er noch vielfältiger sein könnte, wenn die großen Tiere noch da wären, die von uns Menschen beseitigt wurden. Die aber an den Knospen knabbern, die Rinde schälen, die Blätter fressen, die Zweige junger Bäume, und dadurch den Wald offen halten, sodaß das Licht hereinkommen kann“. Das würde sich auf die Vielfalt des Lebensraums positiv auswirken.

Gebiete wie der jetzt von der grün-roten Landesregierung beschlossene Nationalpark Nordschwarzwald, in deren Kern sich die Natur ungestört entwickeln soll, sind ein Schritt in diese Richtung.

Klaus Peter Karger
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Deutschland 2012

Regie: Jan Haft
Drehbuch: Jan Haft, Gerwig Lawitzky
Kamera: Jan Haft, Kay Ziesenhenne
Musik: Jörg Magnus Pfeil, Siggi Mueller
Schnitt: Carla Braun-Elwert
Produktion: Nautilus Film, Doclights GmbH
Darsteller: Füchse, Hirsche, Wildschweine, Sperber, Ameisen, Schillerfalter, Hirschkäfer u.v.m.
93 min.
FSK: ab 0
Deutsche Originalfassung

Quelle: Guckloch Kino Villingen

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